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100 Jahre Kinoorgel von Rudolf Wurlitzer

Veröffentlicht: 04.03.2011

Rudolph Wurlitzer wurde am 31. Januar 1831 als Sohn eines Instrumentenbauers im sächsischen Schöneck geboren. Gegen den Willen seines Vaters und ohne dessen finanzielle Unterstützung wanderte er 1853 nach Amerika aus. Der 22-jährige arbeitete zunächst in einem Lebensmittelladen in New Jersey und lebte in ärmlichen Verhältnissen. Seine Situation besserte sich 1854, mittlerweile sprach er gut Englisch und wurde in Cincinnati für 8 Dollar pro Woche bei der Privatbank Heidelbach & Seasongood als Kassierer angestellt. Nicht weit von seinem Arbeitsplatz befand sich eine Musikalienhandlung. Rudolph Wurlitzer wunderte sich über die hohen Preise für die dort ausgestellten Musikinstrumente. Der Musikalienhändler kaufte seine Ware bei einem Zwischenhändler, der wiederum bestellte bei einem Importeur, dieser bei einer europäischen Firma, diese kaufte bei einem europäischen Agenten und der kaufte schließlich beim europäischen Instrumentenbauer. Rudolph Wurlitzer witterte seine Chance, Musikinstrumente preiswerter anzubieten, indem er die Zwischenhändler umging. 1856 schickte Wurlitzer mühsam ersparte 700 Dollar an seine Familie in Schöneck mit der Bitte, ihm Instrumente nach Amerika zu liefern. Er erhielt Oboen, Klarinetten und andere hochwertige Blasinstrumente aus Sachsen, die er direkt an Einzelhändler weiterverkaufte. Das Geschäft mit den importierten Instrumenten aus Deutschland boomte und der geschäftstüchtige Sachse gründete die Wurlitzer Company. Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-65) rüstete er die Armee der Union mit Trommeln und Signalhörnern aus. Die Firma expandierte und war schon 1865 der größte Hersteller für Bandinstrumente in Amerika. 1880 begann Wurlitzer mit der Herstellung von Klavieren. Auch die Produktion von Orchestrien, selbstspielenden Klavieren und Harfen war ein lohnendes Geschäft. Die Dekleist Musical Instrument Manufacturing Company in North Tonawanda, New York, produzierte ab 1899 für Wurlitzer das erste Münzklavier der Welt, das erfolgreiche Tonophone. 1909 übernahm Wurlitzer die Dekleist Company und 1910 gelang Farny Wurlitzer, dem jüngste Sohn des Firmengründers, ein weiterer Coup: Er kaufte für 15 800 $ die marode Firma des genialen Orgelbauers Hope-Jones und begann in North Tonawanda mit der Produktion von Kinoorgeln, die als Mighty Wurlitzer weltberühmt wurden und der Firma gigantische Umsätze bescherten.
Zunächst sah es gar nicht danach aus: In den Jahren 1910 bis 1913 baute die Wurlitzer Company lediglich 35 kleinere Kinoorgeln und nahm dabei größere finanzielle Verluste in Kauf. Erst 1914 wendete sich das Blatt. Wurlitzer erhielt den Auftrag, für das 2100 Zuschauer fassende Liberty Theatre in Seattle eine große Kino-Orgel zu bauen. Das sogenannte „Wurlitzer Hope-Jones Unit-Orchestra" kostete 27 000 Dollar, verfügte über drei Manuale, 79 Register mit 17 Ranks (Pfeifenreihen) und ein Gebläse mit 20 PS Leistung für die Windversorgung. Der Kinobesitzer John G. von Herberg schrieb am 7. Mai 1915 an die Wurlitzer Company: "Das Wurlitzer Hope-Jones Unit-Orchestra hat dazu beigetragen, daß dieses Kino eine Klasse für sich wurde".... Auch Farny Wurlitzer bestätigte der Orgel in Seattle eine bahnbrechende Wirkung: „Die erste [große] Orgel - und es war keineswegs die erste Orgel, die wir in Kinos aufstellten - war die, die wir an das Liberty Theatre in Seattle verkauften. Das Theater war speziell als Kino gebaut worden und was die Musik betraf, hing alles von unserer Orgel ab...das Theater war von Beginn an ein voller Erfolg. Ich übertreibe nicht, wenn ich ihnen sage, dass die Polizei in Seattle drei Wochen lang die Menschen-Massen kontrollieren mußte, die drei Blocks weit anstanden um ins Liberty zu kommen. Und die Orgel hatte den größten Verdienst daran."
1914 starb Rudolph Wurlitzer - sein ältester Sohn Howard hatte schon 1912 die Leitung der Firma übernommen. Insgesamt 2238 Kinoorgeln entstanden in den Jahren 1910 bis 1943.
Bedingt durch die Wirtschaftskrise und die Einführung des Tonfilms sank das Interesse an Orchestrien und Kinoorgeln - Wurlitzer mußte sich nach neuen Märkten und Produkten umsehen.
1934 produzierte Wurlitzer die erste Jukebox und schon bald eroberten die knallbunten Schallplattenautomaten Restaurants und Bars auf der ganzen Welt. 1975 stellte Wurlitzer die Produktion von Jukeboxen in USA ein. Keyboards und Verstärker wurden noch bis 1988 gebaut, danach übernahm die Baldwin Company in Ohio die Betriebsstätten von Wurlitzer. Die 1960 gegründete Deutsche Wurlitzer GmbH produziert allerdings auch heute noch die traditionellen Musikautomaten und moderne Verkaufsautomaten. Sie wurde 2006 von der Gibson Guitar Corporation gekauft. Somit führt Gibson heute die Tradition der Marke fort.

 

Robert Hope-Jones und die Kinoorgel

 

Am 1. Mai 1910 begann die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Robert Hope-Jones (1859 -1914) und der Wurlitzer Company. Der geniale englische Orgelbauer hatte in England schon 41 Orgeln erbaut bzw. renoviert. 1903 war er in die Vereinigten Staaten ausgewandert und brachte seine Erfindung mit: Die Unit-Organ. Durch ein elektrisches Multiplex-System teilen sich mehrere Register dieselben Pfeifen, was eine enorme Einsparung von Pfeifen, Kosten, Platz und Material bedeutete. Für dieses System benötigte Hope-Jones Relais (Elektromagnete) unter jeder Pfeife, um die Ventile zu öffnen. Die ersten Elektromagnete bezog Robert Hope-Jones von Henry Royce, dem späteren Mitbegründer der Nobel-Automarke Rolls-Royce.
Auch in Amerika waren die Auftragsbücher von Hope-Jones gut gefüllt: 38 Orgeln wurden gebaut oder erweitert. 1907 gründet er in Elmira (New York) die Hope-Jones Company, zu deren Aktionären u. a. der Schriftsteller Mark Twain zählte. Aber Hope-Jones kam bald in wirtschaftliche Schwierigkeiten. So entschloß er sich zur Zusammenarbeit mit Farny Wurlitzer und realisierte für ihn die Kino-Orgel.
Im Grunde ist die Kino-Orgel eine modifizierte Kirchenorgel. Sie besitzt Orgelpfeifen (Zungen- und Labialpfeifen) und zusätzlich Percussion sowie Effekte zur Darstellung der Geräusche.
Das Multiplex-System war nur eine von vielen Neuerungen die Hope-Jones und sein Team entwickelten. Speziell für die Kinoorgel erdachte Hope-Jones Register wie Tibia Clausa oder Diaphone und fertigte Register von bislang unbekannter Obertonvielfalt wie Cor anglais, Kinura oder Oboe Horn.
Der hufeisenförmige Spieltisch, die ergonomisch durchdachte Anordnung der Register-Wippen und der „Second Touch" machten schnelle Klangfarbenänderungen ohne zusätzliche „Registranten" möglich.
Die elektrische Verbindung zwischen Tasten und Pfeifen erlaubte den beweglichen Spieltisch.
Beim „Second Touch" können durch einen zweiten Druckpunkt der Tasten voreingestellte Register und Effekte gespielt werden (z.B. Sleigh Bells, Bird Whistle, Cathedral Chimes oder Clarinet).
Ein höherer Winddruck sorgte für größere Lautstärke, dicke Jalousie-Schweller vor den Pfeifenkammern waren in der Lage, die Dynamik um bis zu 38 dB zu reduzieren bzw. anzuheben.
Die neue Zusammenarbeit mit der Wurlitzer Company brachte Robert Hope-Jones allerdings nicht die ersehnte Anerkennung. Zwischen 1910 und 1913 verkaufte die Wurlitzer Company unter großen finanziellen Verlusten nur 35 kleine Kinoorgeln. Hope-Jones mußte sich für Qualitätsmängel rechtfertigen und schriftlich versichern, dass er in der Lage wäre, die große Kinoorgel für das Liberty Theatre in Seattle fehlerfrei zu realisieren. Am 26. Januar 1914 schrieb er an Farny Wurlitzer: „.....wenn wir das Instrument in der Fabrik aufbauen und testen, verspreche ich, dass ich jeden auftauchenden Defekt beseitigen werden oder Sie darüber informieren werde..."
Am 27. Oktober 1914 eröffnete das Liberty Theatre in Seattle und die große Wurlitzer-Orgel gebaut von Hope-Jones begeisterte die Kino-Massen. Sie verfügte über 3 Manuale und 79 Register mit 17 Ranks (Pfeifenreihen). Kurze Zeit später zogen andere Kinos nach und die „Mighty Wurlitzer" eroberte den Kinomarkt in den USA und England. Sein Meisterwerk konnte Robert Hope-Jones allerdings nicht mehr hören: Er zeigte sich zunehmend frustriert und wurde depressiv. Am 13. September 1914 schied er freiwillig aus dem Leben.

 

Die Funktion und Verbreitung der Kinoorgel

 

Die Kinoorgel sollte in größeren Lichtspieltheatern das kostspielige Orchester ersetzen. Während Kinoorgeln in Amerika und England bald zur Standardausstattung von größeren Kinos gehörten, stockte der Absatz in Deutschland: Lediglich 3 % aller Kinos hatten sich zur Stummfilmbegleitung eine Kinoorgel gekauft. Davon waren lediglich 6,8% Instrumente der Wurlitzer Company. Deutsche Hersteller wie Walcker (43,2 %) oder Welte (19,2 %) konnten größere Marktanteile erobern, weil sie ihre Instrumente preisgünstiger anboten. Trotzdem war die führende Klang-Qualität der Mighty Wurlitzer unbestritten.
Ende 1928 erchienen im Film-Kurier Fotos von Kinoorgeln mit folgendem Artikel:
Die steigenden musikalischen Ansprüche des Publikums zwangen die Lichtspieltheater dazu, immer größere Orchester aufzustellen. Sehr bald zeigte sich hierbei eine Grenze, denn selbst ein Uraufführungstheater kann nicht auf die Dauer ein Orchester von 70 und mehr Mann unterhalten. Mann entsann sich der Königin der Instrumente, der Orgel, vermied aber den Missgriff, irgendeine Orgel, die für die Kirche bestimmt ist einzubauen, sondern benutzte die Anregung der Orgelbauer für bestimmte Kinozwecke. Die Spannung der Orgel über eine erheblich größere Anzahl von Oktaven als etwa die menschliche Stimme oder die Geige und das Klavier erlaubt eine vielfache Anzahl von Effekten. Von den hämmernden Klängen des tiefesten Basses, der nur 16 Schwingungen pro Sekunde erzeugt, bis zu den schrillen Tönen der Glasglocken usw. mit 8000 Schwingungen geht die reiche Skala der Orgel, so dass sie mühelos das bestbesetzte Orchester übertrifft. Sie kann donnern, fauchen, kreischen, trillern, säuseln, pfeifen, heulen, surren, zart oder gewaltig sein, ganz wie ihr Meister am Spieltisch es will.
In den USA wurde der Kinoorganist Jesse Crawford zum Star. Zahlreiche Schallplatteneinspielungen machten ihn und die Marke Wurlitzer populär.
Für Farny Wurlitzer war Jesse Crawford (1895-1962) der „beste Wurlitzer Verkäufer" weil auf jeder seiner Platten, die er für Victor Records einspielte, die Worte prangten „Played on the Wurlitzer Organ". 1927 erschien auf dem amerikanischen Kinomarkt der erste Tonfilm „The Jazz Singer", 1929 produzierte die UFA den ersten erfolgreichen deutschen Tonfilm „Der blaue Engel". Die neue Technik bedeutete das Aus für die Stummfilmmusik und die Kinoorgeln gerieten in Vergessenheit. Wieder war es die Schallplattenindustrie, die in den 60er Jahren für ein erwachendes Interesse an den Dinosauriern der Stummfilmzeit sorgte. Mit der Einführung der Langspielplatte, der Stereophonie und HiFi- Technik war es möglich, den Klang der Kinoorgel realistisch im eigenen Wohnzimmer zu hören. George Wright (1920-1998), ein Schüler Jesse Crawfords, nutzte das neue Medium für spektakuläre Kinoorgel-Einspielungen. Er produzierte über 60 Alben, die sich teilweise millionenfach verkauften.