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Forever young: Die 10. Berliner Tage für Alte Musik

Veröffentlicht: 04.03.2011

Der Berliner Gendarmenmarkt gilt zu Recht als einer der schönsten Plätze Europas. Eingerahmt vom Schinkelschen Konzerthaus, dem Französischen und dem Deutschen Dom ist dieses architektonische Ensemble seit 1990 Schauplatz für ein Festival der Extraklasse. Der scheidende Berliner Kultursenator Peter Radunski hat es auf den Punkt gebracht: „Die Berliner Tage für Alte Musik sind längst kein Insider-Tip mehr: Seit 10 Jahren präsentiert dieses Festival in Berlin Alte Musik auf hohem Niveau und mit internationalem Anspruch." Internationalen Anspruch repräsentierte in diesem Jahr Haydns „Die Schöpfung" - musiziert vom Orchestre des Champs-Elysées und dem Rias-Kammerchor unter der Leitung von Philipp Herreweghe. Neben Konzerten mit hochkarätiger Besetzung stand für die Festival-Besucher einmal mehr der „Musikinstrumentenmarkt" im Mittelpunkt. Das prächtige Konzerthaus und - als Novum - die gegenüberliegende Musikhochschule boten das inspirierende Ambiente für alle Freunde der Alten Musik. Hier konnten sie Instrumente nach Herzenslust ausprobieren.

 

Rettung in letzter Minute

 

Mit 96 Ausstellern zählt der Musikinstrumentenmarkt zu den größten Verkaufsausstellungen für alte Musikinstrumente in Europa. In diesem Jahr durfte im Konzerthaus kein Notenmaterial verkauft werden - das im Konzerthaus ansässige Musikhaus Riedel hatte aus Konkurrenzgründen Bedenken angemeldet. „Eine einstweilige Verfügung hätte die Veranstaltung in letzter Minute platzen lassen können, so entschlossen wir uns umzuziehen", erzählt Veranstalter Dr. Arnold Riesthuis. Die Hochschule für Musik „Hanns Eisler" bot Hilfe an. Zur Freude der Musikstudenten präsentierten sich die im Konzerthaus unerwünschten Musikverlage und Blockflötenbauer im Foyer der Musikhochschule.

 

Der Kunde ist König

 

Bei Geigenbauer Radovan Jira ist wieder Kundschaft eingetroffen. Matthias Range leiht sich eine Gambe und testet sie im ruhigeren Nebenraum. Denn gegen das Cembalogeklimper kann sein Gambenspiel nur schwer bestehen. Er kehrt zufrieden zurück: „In den Höhen geht es ganz schön los", meint der Profi. Trotzdem entschließt er sich nicht zum Kauf des Instruments. Auch Musikwissenschaftler Dr. Martin Elste hegt keine Kaufabsichten, er testet begeistert eine Violine von Bastian Muthesius - eine Geige nach Proportionen von Stradivari-Modellen. Bastian Muthesius trägt es mit Fassung: „Letztes Jahr habe ich immerhin ein paar Bögen verkauft". Cembalobauer Matthias Griewisch versucht es mit humorvollem Kundenservice: „Soll ich es einpacken," fragt er eine japanische Musikerin, die eines seiner Cembali ausprobiert. Die Japanerin verneint mit höflichem Lächeln. Direkte Verkäufe beim Instrumentenmarkt sind eher selten, aber Instrumentenbauer und Musiker knüpfen erste Kontakte, zum Kauf entschließt sich der Kunde vielleicht später - nach einem weiteren Probespiel.

 

Ein Silbermann-Flügel zum Jubiläum

 

Der gelernte Orgelbauer und Cembalobaumeister Michael Walker feierte bei den 10. Berliner Tagen für alte Musik auch ein ganz persönliches Jubiläum: Seit 20 Jahren besteht seine „Werkstätte für historische Tasteninstrumente". In Berlin zeigte er als Besonderheit einen Hammerflügel nach Gottfried Silbermann um 1749. Gearbeitet nach einem Original des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Zu Silbermanns Kundenkreis zählte auch Friedrich der Große: Allein im Potsdamer Schloss Sanssoucis standen 15 Hammerflügel aus Silbermannscher Produktion. Heute würde er wahrscheinlich bei Walker kaufen. Denn Walkers Instrument verfügt noch zusätzlich über Kniehebel für die Dämpfungsaufhebung und eine Cristofori-Mechanik mit geachsten Gelenken. Die Transponierung erlaubt einen Stimmtonwechsel von 415 nach 440 Hz. Einen wunderbaren Effekt ergibt der Cembalozug: Holzleisten mit Kanten aus Mammut-Elfenbein legen sich über die Saiten und zaubern Klänge, die an Hackbrett-Musik erinnern. Auf der vorbildlichen Homepage von Michael Walker www.sww.net/~walker/ kann man andere Arbeiten aus seiner Werkstatt kennen lernen.

 

Neue Flötentöne

 

Seit Anfang 1998 baut Adriana Breukink aus Holland Blockflöten mit Slide-Mechanismus: Eine vom Kinn des Spielers zu verschiebende Klappe verschließt oder öffnet ein kleines Loch an der Seite des Kopfstücks. Der Slide macht dynamische Nuancen auf der Blockflöte in vorher nie gekanntem Umfang möglich. Für zeitgenössische Musik oder Jazz bietet sich die neue Technik geradezu an: Viertel-Töne, Mini-Glissandi, Vibrati oder jähe dynamische Wechsel lassen sich problemlos realisieren. Die Idee setzt sich durch: Auch Moeck in Celle baut mittlerweile Alt- und Sopran-Blockföten mit Slide nach Adriana Breukink.

 

Das gläserne Cembalo

 

Ein Highlight des Musikinstrumentenmarkts war sicherlich das „gläserne Cembalo" am Stand von Sassmann. Unterboden, Basswand und Deckel aus Plexiglas gewähren Einblicke ins Innenleben eines Cembalos. Markus Worm baute das Instrument zu Anschauungs- und Werbezwecken. Ein Fest für die Sinne: Hände, Augen, Ohren und Gaumen kommen auf ihre Kosten. Als Belohnung für Meister-Cembalisten oder die lernbegierige Jugend gedacht, verbergen sich in einem Fuß des Cembalos Unmengen von Sahnebonbons: „Werthers Echte".

 

Rückschau und Ausblick

 

Für Dr. Arnold Riesthuis und seinen Verein Ars Musica waren die 10. Berliner Tage für Alte Musik vielleicht die spannendsten in der Geschichte des Festivals. Immerhin konnte ein wesentlicher Bestandteil des Festivals, der Musikinstrumentenmarkt, erst in letzter Minute gerettet worden. In den Anfangsjahren hatte man noch andere Sorgen: Heizungs- und Platzprobleme. „Die Zahl der Aussteller hat sich fast jedes Jahr verdoppelt", erzählt Veranstalter Arnold Riesthuis,"1992 schließlich konnten wir zum ersten Mal ins Konzerthaus. Das war gar nicht so einfach, schließlich war das Konzerthaus als Vorzeigeobjekt Honeckers gebaut worden." Mittlerweile hat das kleine Festival zwei Kultursenatoren überlebt und ist selbst ein Vorzeigeobjekt geworden. Viele Künstler, die in der Alten Musik-Szene Rang und Namen haben, waren in den letzten Jahren Gast der Berliner Tage für Alte Musik: René Jacobs, Gustav Leonhardt, das Concerto Palatino, das Amsterdam Loeki Stardust Quartet, Bruce Dickey und die Gebrüder Kuijken. Die Konzerte werden Jahr für Jahr exclusiver, denn Riesthuis investiert alle Einnahmen des Festivals aus Standgebühren, Sponsorengeldern und Kartenverkauf sofort in das Konzertprogramm des nächsten Jahres. „Musik und Politik" heißt das Motto der Berliner Tage für Alte Musik 2000 und Bachs Musik für Solo-Instrumente soll dabei auch nicht zu kurz kommen. Im Internet findet man die Berliner Tage für Alte Musik unter: http://www.knoware.nl/users/ars.music .


(04.03.2011)