Wundersame Verwandlung
Veröffentlicht: 29.10.1999
Wundersame Verwandlung Meine Freundin Milena hat es geschafft. Aus der ewig Zigaretten schnorrenden Studentin ist eine selbstbewußte junge Frau geworden. Ich traf sie letzten Freitag im Café Louvre und hätte sie fast nicht wiedererkannt: An ihren Lippen klebte statt der obligatorischen Zigarette ein Handy und ihr Luxuskörper war in echte italienische Designerklamotten gehüllt. "Setz dich, Joschi", waren ihre Worte, ich muß noch ein paar Termine klarmachen". Und mir schwante Schlimmes. Geht Milena jetzt anschaffen? Immerhin kannte ich sie nur in abgeschabten löchrigen Jeans und Milenas Lieblingssatz lautete: „Hast du mal einen Comenius (200 Kronen)?". Was war bloß mit Milena passiert? "Denk dir, Joschi", flötete die verwandelte Milena, ich bin Fremdenführerin geworden". Und dann erzählte sie mir die ganze Geschichte. Alles fing damit an, daß Milena diesen alten Damenschirm auf der Karlsbrücke fand. Sogar in Prag würde niemand auf die Idee kommen, mitten im Hochsommer vergammelte Schirme aufzusammeln - außer Milena, die ständig um ein paar Kronen verlegen ist und ihren studentischen Haushalt auf Sperrmüll gründet. Was heißt gründet, gründete, denn Milena hat ihre persönliche Goldgrube entdeckt. Während sie noch auf der Karlsbrücke glücklich den rosa Damenschirm hin- und herschwenkte, folgte ihr bereits eine Gruppe von 30 japanischen Touristen, die Milena samt Schirm für ihre Reiseführerin hielten. Ihr war schlagartig klar, auf welche Goldader sie da gestoßen war. Mit großen Schritten und rudernden Schirmbewegungen hetzte sie die Japaner durch die Karlova, über den Wenzelplatz, vorbei am Nationalmuseum Richtung Vinohrady und noch ein paar Mal im Kreis herum, bis alle vollständig die Orientierung verloren hatten. Zum Schluß, welch göttliche Fügung, steuerte Milena einen ziemlich abgelegenen Taxistand an. Denn nichts wünschten sich die verirrten Pragwanderer sehnlicher als einen fahrbaren Untersatz für ihre geschundenen Knochen. Und im tiefsten Vinohrady, das wußte unsere geschäftstüchtige Studentin, warteten stets gutgenährte, aber geldhungrige Taxifahrer auf ihre Opfer. Milena erklärte ihnen die Sachlage, kassierte von den motorisierten Raubrittern für jeden Touristen, der die drei Kilometer zurück ins Zentrum fahren wollte, 100 Kronen Provision und war mit einem Schlag um 3000 Kronen reicher. Mittlerweile hat sie die Sache verfeinert. Mittels mehrfarbiger Schirme (Milena besitzt jetzt ein ganzes Sortiment davon) entführt sie gezielt Touristengruppen in die Karlova und arbeitet mit Taxiunternehmern aller Stadtbezirke zusammen - deshalb auch das Handy. Sie entwickelte einen persönlichen Führungsstil und bereichert so die Prager Stadtgeschichte und nicht zuletzt die Taxichauffeure auf das Wunderbarste. In Vinohrady erklärt sie die Honda-Vertretung kurzerhand zum Geburtshaus des braven Soldaten Schwejk und nicht weit davon empfing angeblich Beethoven die göttliche Eingebung für sein Thema über Schillers "Ode an die Freude". Laut Milena in einem Freudenhaus gegenüber der Honda-Vertretung. Von den müden, aber dankbaren Prag-Touristen kassiert sie nun zusätzlich 100 Kronen für die Führung. An guten Tagen verdient sie so leicht 50 000 Kronen. Und während ich diese Zeilen schreibe (für rund zwölf Kronen pro Zeile), bin ich in Gedanken schon auf dem Flohmarkt. Was ich dort will? Ich werde mir natürlich einen Schirm kaufen. Jörg Joachim Riehle